Hypericum perforatum

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Hypericum perforatum (Echte Johanniskraut), auch Tüpfel-Johanniskraut genannt, ist eine Pflanze aus der Familie der Hypericaceae (Johanniskrautgewächse).

Namensherkunft

Der Name hypericum leitet sich aus den zwei griechischen Worten hyper (über, oberhalb) und eikon (Bild) ab. Diese Namensgebung stammt von der Tradition, das Echte Johanniskraut am Johannistag über einem Bild anzubringen, um so Schlechtes abzuwehren. Perforatum bezieht sich auf die kleinen durchsichtigen Regionen der Blätter, die im Gegenlicht leicht erkennbar sind.

Der Name Johanniskraut leitet sich vom Beginn der Blütezeit der Pflanze (in Mitteleuropa) um den Johannistag (24. Juni) ab; dies ist auch die beste Zeit, die Pflanze zu ernten.

Der Volksmund hat für diese Pflanze eine Reihe weiterer Namen gefunden. Dazu zählt Stolzer Heinrich, Tüpfelhartheu, Hexenkraut, Herrgottsblut, Elfenblut, Frauenkraut, Jageteufel, Manneskraft, Teufelsflucht, Blutkraut, Wundskraut, Konradskraut, Johannisblut und Walpurgiskraut.

Merkmale

Das Tüpfel-Johanniskraut ist eine ausdauernde Pflanze mit stark verästelter, spindelförmiger, bis 50cm Tiefe reichender Wurzel. Der Stängel ist aufrecht, 0,15.bis 1m hoch, durchgehend zweikantig, oberwärts mehr oder weniger reich verzweigt und innen markig. Die Blätter sind 1-3cm lang, oval-eiförmig bis länglich-linealisch, ganzrandig, durchscheinend punktiert, insbesondere am Rande mit schwarzen Drüsen, und mehr oder weniger sitzend. Der Blütenstand ist eine Trugdolde. Die Kelchblätter sind bis 5mm lang, länger als der Fruchtknoten, (ei)-lanzettlich, fein grannenartig zugespitzt, mit hellen und schwarzen Drüsen. Die Blütenkronblätter sind bis 13mm lang, nur auf einer Seite gezähnt, goldgelb, am Rande schwarz punktiert. Staubblätter sind 50-60(-100) vorhanden. Der Fruchtknoten ist eiförmig, kürzer als die Kelchblätter. Die Frucht ist eine schmal-eiförmige, bis 10mm lange, geriefte Kapsel.

Verbreitung

Das Tüpfel-Johanniskraut wächst verbreitet in Gebüschsäumen, an Waldrändern, Wegen und Böschungen, in Magerwiesen- und rasen, in Ginster- und Heidekrautheiden, in Brachen und Waldverlichtungen als Pionierpflanze. Nach Ellenberg ist es eine Halblichtpflanze, intermediär-ozeanisch verbreitet, stickstoffarme Standorte anzeigend und eine Klassencharakterart Sonniger Staudensäume an Gehölzen (Trifolio- Geranietea).

Aufgrund der Verwendung als Heilpflanze wird das echte Johanniskraut landwirtschaftlich angebaut. Gleichzeitig ist es im übrigen landwirtschaftlichen Anbau ein unerwünschtes Unkraut. Weidetiere, die vom Echten Johanniskraut fressen, zeigen eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Sonnenlicht und Nervenstörungen; bei hohen Dosen verenden sie.

Die Pflanze war ursprünglich in Europa weit verbreitet, ist von Menschen aber auch in anderen Kontinenten eingeführt worden und hat sich dort vielfach eingebürgert.

Ökologie

Das Tüpfel-Johanniskraut ist eine sommergrüne Schaftpflanze. Ihre Blätter sind durch zahlreiche Sekretbehälter (schizogene Ölbehälter) punktiert.

Die Blüten sind homogene „Pollen-Scheibenblumen“ in zusammengesetzten Dichasien mit (zur Fruchtzeit gut erkennbaren) Schraubeln. Die zahlreichen Staubblätter stehen in 3 Büscheln zusammen. Statt Nektar ist ein anbohrbares Gewebe von unsicherer ökologischer Bedeutung vorhanden. Fremdbestäubung erfolgt durch Pollen suchende Insekten. Besucher sind besonders Bombus-Arten und Bienen- und Schwebfliegen-Arten. Selbstbestäubung ist durch die räumliche Trennung von Griffelästen und Staubbeutelbündeln erschwert, ist aber beim Schließen der Blüten möglich, wenn die schrumpfenden Kronblätter die Blüte wieder einhüllen. Die goldgelben Kronblätter enthalten in Gewebslücken das blutrote Hypericin, das beim Zerreiben(am besten mehrere Blütenknospen nehmen) auf den Fingern eine Rotfärbung hinterlässt.

Früchte sind bei Trockenheit geöffnete, wandspaltige Kapseln. Die kleinen Samen werden von Tieren verschleppt oder durch den Wind verbreitet(Ballonflieger).

Vegetative Vermehrung erfolgt durch Wurzelsprosse.

Verwendung als Heilpflanze

Bereits in der Antike wurde Johanniskraut als Heilpflanze verwendet. Heute wird es als pflanzliches Arzneimittel wegen seiner leicht stimmungsaufhellenden Wirkungen zur Behandlung von leichten bis mittleren depressiven Verstimmungen oder nervöser Unruhe eingesetzt.

Die Wirksamkeit ist in zahlreichen Studien schulmedizinisch belegt. Das gilt jedoch nur für apothekenpflichtige Johanniskraut-Arzneimittel mit hochdosiertem Johanniskraut-Extrakt. Präparate aus der Drogerie, die nur gemahlenes Kraut enthalten, oder Johanniskraut-Tee haben eine zu geringe und oft schwankende Wirkstoffkonzentration.

Viele Topmodels in den USA vertrauen seit Jahren auf Johanniskrautpräparate, da diese eine Verbesserung des Hautbildes bewirken.

Inhaltsstoffe

Das Medikament enthält mindestens 0,08% Gesamt-Hypericine (PhEur 4.05/1438), welche in den Exkretblättern der Blüten lokalisiert sind. Durchschnittlich zwischen 0,1-0,3% Hypericin, Pseudohypericin und ähnliche Substanzen sowie 0,5-1% Flavonoide und Bioflavone. Auch das antibiotisch wirksame Hyperforin ist nachweisbar.

Für die Produktion der verschiedenen Präparate auf Johanniskrautbasis werden speziell selektierte Sorten unter Feldbedingungen angebaut. Geschützte Sorten sind derzeit (Stand: 26. April 2004 (1)):

  • Anthos, Hyperixtrakt, Motiv, Uperikon, Hyperimed, Hyperiflor,Vitan, Hyperipharm und Hyperisol

Wirkungsmechanismen und Wirklatenz

Als Hauptwirkstoff des Johanniskrauts gilt Hyperforin. Standardisierter Johanniskrautextrakt erhöht durch eine Wiederaufnahmehemmung der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin deren Konzentration an den Synapsen. Ebenfalls steigt auch die Konzentration von gamma-Aminobuttersäure GABA, Dopamin und L-Glutamat an. In der Folge vermindert sich die Anzahl der (noradrenergen) ß-Rezeptoren sowie erhöht sich die 5-HT2-Rezeptorendichte (5-Hydroxytryptamin = Serotonin).

Die Wirkung der Johanniskraut-Präparate soll auf die chemisch definierten Substanzen Hyperforin und Hypericin zurückzuführen sein. Diese bewirken eine geringe bis mittelstarke, aber nachweisbare, cerebrale Wiederaufnahmehemmung von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin; dies sind bekannte Wirkmechanismen chemischer Antidepressiva. Eine MAO-Hemmung wurde immer wieder behauptet, konnte aber nie nachgewiesen werden. Andere Rezeptoren werden nicht beeinflusst.

Wie chemisch-synthetische Antidepressiva zeigen auch Johanniskraut-Arzneimittel eine gewisse Wirklatenz, d.h., man spürt erst nach mehreren Wochen der Einnahme eine Verbesserung der depressiven Symptome.

Die behauptete antivirale Wirkung gegen HIV- und Hepatitis-C-Viren beim Menschen existiert jedenfalls in den üblichen Dosen nicht. Da wirksame Arzneimittel für durch beide Virenarten ausgelöste Erkrankungen zugelassen sind, wurden alle Experimente bei erkrankten Menschen als unvertretbar abgebrochen.

Eventuell können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten, die gefährlich sein können. Johanniskraut induziert ein Abbauenzym in der Leber (Cytochrom P450, Subtyp 3A4), welches andere Medikamente abbaut. Die Abbaurate anderer Arzneimittel steigt somit an und sie können ihre Wirkung verlieren. CYP 3A4 verstoffwechselt u.a. Hormone. So wird immer wieder behauptet, dass Johanniskraut die Wirkung der Anti-Baby-Pille (ein Hormon) beeinträchtigt, was aber umstritten ist. Mit Sicherheit bestehen Wechselwirkungen mit bestimmten AIDS-Medikamenten (Protease-Hemmern), Antibiotika wie Clarithromycin (z. B. Klacid®) und mit anderen – potenteren – Antidepressiva siehe unten. Die Protease-Hemmer und das Antibiotikum können ihre Wirkung ganz oder teilweise verlieren, was bei den zugrundeliegenden ernsten Erkrankungen katastrophale Folgen haben kann. Auch Immunsupressiva, die zum Beispiel nach Transplantationen gegen die Abstoßungsreaktion des Körpers gegeben werden, verlieren ihre Wirksamkeit. Es sind mindestens zwei Todesfälle von Johanniskrauteinnahme bei gleichzeiter Immunsupression beschrieben worden. In allen diesen Fällen sollte daher unbedingt der Rat des Arztes oder Apothekers eingeholt und befolgt werden.

Diese Interaktionen treten bei Menschen auf, die auf andere Arzneimittel angewiesen sind. Tragisch ist, dass Hersteller nicht immer in der nötigen Eindringlichkeit auf diese Nebenwirkungen hinweisen. Ist der Einnehmende jedoch sonst gesund und auf keine anderen Pharmaka angewiesen, hat sich Johanniskraut als sehr verträgliches und effektives Arzneimittel bewährt.

Nebenwirkungen

Johanniskraut-Arzneimittel sind besser verträglich als chemische Antidepressiva, da unerwünschte Nebenwirkungen sehr selten auftreten. So kann Johanniskraut geringe Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Erregung und Müdigkeit, aber auch eine phototoxische Reaktion der Haut (Sonnenbrandneigung) hervorrufen. In hoher Dosierung wirkt es u. U. stark phototoxisch. Menschen, die Johanniskraut regelmäßig einnehmen und in Solarien oder auf Urlaubsreisen "Sonne tanken" wollen, sollten ein Absetzen des Johanniskrautpräparates 14 Tage vor der ersten Licht-/Sonneneinstrahlung mit ihrem Arzt oder Apotheker besprechen.

Da Hypericin die Empfindlichkeit gegenüber UV-Licht erhöht (Photosensibilisierung), sollten insbesondere hellhäutige Personen intensive Sonnenbestrahlung oder Solarien meiden. Bei bekannter Lichtempfindlichkeit ist Johanniskraut zu meiden. Selten kann es zu allergischen Hautreaktionen, Müdigkeit/Unruhe oder gastrointestinalen Beschwerden kommen. Auch Rinder, die zu viel Johanniskraut fressen, zeigen die genannten Symptome.

Wechselwirkungen

Ende der 1990er Jahre wurde festgestellt, dass Johanniskraut bestimmte Enzyme, die für den Abbau von Arzneistoffen verantwortlich sind, induziert, was zu einem verstärkten Abbau des Arzneistoffes führt. Betroffen sind neben Herzglykosiden und Gerinnungshemmern auch verschiedene Antibabypillen. Deshalb wurde das bisher frei erhältliche Johanniskraut 2003 der Apothekenpflicht unterstellt. Ausgenommen von der Apothekenpflicht sind Zubereitungen, die in einer Tagesdosis bis zu 1 g Drogenäquivalent und bis zu 1 mg Hyperforin enthalten, Tee und zur äußeren Anwendung bestimmter Frischpflanzensaft oder ölige Zubereitungen (Rotöl).

Patienten, die an einer HIV-Infektion leiden und dagegen Medikamente einnehmen dürfen Johanniskraut nicht zu sich nehmen, da es auch hier zu einem verstärken Abbau der Wirkstoffe kommen kann, der auf länger Sicht ein Therapieversagen nach sich ziehen kann.

Aufgrund sich überlappender Wirkprofile kann Johanniskraut eventuell die Wirkung des trizyklischen Antidepressivums Nortryptilin verstärken!

Mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern wie Fluoxetin, Paroxetin, Citalopram etc. besteht die Möglichkeit einer Verstärkung serotoninerg bedingter Nebenwirkungen (Übelkeit, Durchfall, Blutdruckschwankungen, Erregung) bis hin zur Begünstigung einer Auslösung des lebensgefährlichen Serotonin-Syndroms (starke Blutdruckschwankungen, Fieber, Bewusstseinseintrübung, Verwirrtheit, Krämpfe). Andererseits können einige der Serotoninwiederaufnahmehemmer durch die Beschleunigung ihres Abbaus auch in ihrer Wirkung abgeschwächt werden. Die Einnahme solcher Kombinationen ohne ärztlichen Rat scheint einem russischen Roulett gleichzukommen!

Auch mit Antiepileptika (Medikamenten gegen Krampfanfälle) könnten Wechselwirkungen im Sinne einer Wirkungsabschwächung der Antiepileptika durch Abbaubeschleunigung bestehen (z. B. Valproinsäure).

Aufgrund dieser Wechselwirkungen wurde Johanniskraut in der Republik Irland schon vor einigen Jahren der Verschreibungspflicht unterworfen!

Verwendung in der Medizin

Seit mehreren Jahren wird auch Johanniskraut häufig für leichte bis mittelschwere Fälle von Depression angewandt. Die Wirksamkeit von Johanniskraut in der Therapie der Depression ist aber umstritten. Es gibt sowohl klinische Studien, die eine Wirksamkeit belegen, als auch solche, die keine Überlegenheit gegenüber Placebo zeigen. Wesentlich mag hier auch die Dosis sein: Einige Studien gehen von mindestens 900 mg Extrakt bis hin zu 1800 mg Johanniskrautextrakt aus. Solche Dosen sind mit Johanniskrauttee, aber auch mit freiverkäuflichen Medikamenten aus dem Supermarkt, praktisch gar nicht zu erreichen. Typische Präparate enthalten hier etwa 180 mg pro Dragee, man müsste also zehn Dragees nehmen, um eine wirksame Dosis von 1800 mg zu erreichen. Andere Präparate erwecken den Eindruck, sie würden besonders viel Johanniskraut enthalten, indem z. B. von "300 mg Johanniskraut" auf der Packung die Rede ist – es handelt sich hier aber um gemahlenes Johanniskraut, dessen Wirkstoffmenge gegenüber dem Johanniskrautextrakt nur etwa ein Fünftel beträgt. Bei einer Therapie ist also zu beachten, Präparate aus der Apotheke zu verwenden. Diese sind in Deutschland rezeptfrei erhältlich. Auch ist unklar, ob Präparate empfohlen werden können, die statt des üblichen Alkoholauszugs einen öligen Auszug (Rotöl) als Arzneimittelbasis benutzen, weil sich die bisherigen positiven Studien alle auf den alkoholischen Extrakt beziehen. Nebenwirkungs- und wechselwirkungsfrei ist Johanniskraut allerdings in keiner Verabreichungsform (s. Nebenwirkungen)!

Verwendung in der Volksmedizin

Volksmedizinisch wird Johanniskraut als Tee und Tinktur auch bei Menstruationsbeschwerden und pubertätsbedingten Verstimmungen verwendet.

Das Rotöl wird als Einreibemittel bei Hexenschuss, Gicht, Rheuma, zur Schmerzlinderung und Wundheilung nach Verrenkungen und Verstauchungen, bei Blutergüssen und Gürtelrose verwendet, kann aber auch innerlich angewandt werden. Man gewinnt es indem man Johanniskrautblüten 2 Monate lang in kaltgepresstes Oliven- oder Sonnenblumenöl einlegt, gelegentlich kräftig schüttelt und ansonsten in der Sonne stehenlässt. Diesen Vorgang nennt man Mazeration.

Siehe auch

Literatur

  • Franz-C. Czygan: Kulturgeschichte und Mystik des Johanniskrauts. Pharmazie in unserer Zeit 32(3), S. 184 - 191 (2003), ISSN 0048-3664

Weblinks

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